„Das ist nicht möglich …!“

Leseprobe

„Schließ die Augen und versuche dir vorzustellen, was ich dir beschreibe! Versuche, es zu sehen!“ Christian wartete kurz, bis sie nickte, dann fuhr er langsam mit gedämpfter Stimme fort: „Tief in dir drinnen ist dieser Ort, an dem deine Gefühle wohnen. Geh dort hin, du kennst ihn. Mach ihn sichtbar! Stell dir vor, du könntest dich kleiner machen und dich dort platzieren.“ Er machte eine Pause.

„Dort bist du zu Hause, das, was dich ausmacht. Mach dir etwas Licht, sieh dich um!“ Als ein erstaunter Ausdruck über ihr Gesicht huschte, musste er lächeln.

„Welche Form haben deine Gefühle, dein Ich?“

„Sie sind kugelförmig. Zumindest ungefähr“, antwortete sie.

„Sehr gut. Diese Form wird auch deine Magie haben. Breite das Licht ein wenig aus!“  Er wartete. “Und jetzt sieh dich um, kannst du etwas Ungewöhnliches sehen?“

Sie schüttelte zögerlich den Kopf.

„Etwas, das so aussieht wie diese Kugel deines Innersten?“ Sie ließ sich Zeit, schüttelte dann aber den Kopf.

„Es kann auch viel, viel kleiner sein …?“

Wieder hielt sie inne und verneinte dann erneut.

„Das macht nichts“, sagte er in versöhnlichem Ton. „Wir versuchen etwas anderes. Mach das Licht weniger hell.“

Er ließ drei Atemzüge vergehen. „Mach es dunkler!“ Und wieder drei Atemzüge. „Und jetzt ist es ganz dunkel. Du machst in dir drinnen die Augen zu. Es ist schwarz um dich herum, überall und vollkommen.“

Sie nickte.

„Lass die Augen noch geschlossen! Du bist die Wächterin. Deine Magie hat die Farbe eines Sommerabends am Horizont, kurz bevor die Sterne erscheinen. Ein wunderschönes, dunkles Blau. Stellst du dir die Farbe vor?“, wollte er wissen.

Grace wisperte: „Ja.“

„Um dich herum ist es dunkel. Doch deine Magie leuchtet. Es ist noch sehr wenig, deswegen kann es sein, dass du sie nicht siehst. Aber ich glaube, du wirst sie finden. Willst du es versuchen?“

Sie nickte.

“Gut, dann macht die winzig kleine Grace in dir drinnen jetzt die Augen auf und sieht!“

Sie hatte ihm zugehört. Grace hatte sich alles vorgestellt. Sie war in seinen Worten geschmolzen, als sie warm in ihr Ohr gekrochen waren. War der Ruhe in ihnen gefolgt und war an diesen Ort gelangt. Sie hatte die schwebende, wabernde Kugel gesehen, in der aufgerauten Oberfläche Erinnerungen und Gefühle erkannt. Sie hatte das Licht gedämmt und gelöscht, ihre Augen geschlossen. War eins geworden mit der Dunkelheit, die sie umgab.

Dann hatte sie ihre Augen geöffnet und den kleinen Punkt in der Dunkelheit gesehen! So tief blau, dass die Umrisse mit dem Schwarz der Umgebung verschmolzen. Entsetzt riss sie Ihre Augen auf und stolperte rückwärts von Christian weg.

„Das ist nicht möglich …!“

Christian hatte sich erschrocken, zuckte zurück. Dann hob er die Hand an die Brust und lächelte verlegen.

„Es tut mir leid, ich habe nicht mit dieser Reaktion gerechnet.“ Er atmete tief ein und aus. „Du hast sie also gesehen?“

Sie schüttelte ungläubig den Kopf.

„Ich bin keine Zauberin. Ich bin nicht so! Das ist unmöglich!“

Christian streckte die Hand nach ihr aus, zog sie aber gleich wieder zurück. Dann klopfte er auf den Platz, von dem sie aufgesprungen war und wartete geduldig, bis Grace sich gesetzt hatte. Ihre Augen waren weit aufgerissen, sie war bereit zur Flucht.

„Grace“, begann er, „das was du jetzt bist, ist nichts anderes, als was du immer schon warst.“

Sie sah so verängstigt aus, beinahe wie in dem Metallkäfig. Er rang den Impuls nieder, sie beschützend zu umarmen.

„Du warst schon immer so! Nur dass du nun auch so sein kannst. Du hast dein Leben lang gegen etwas angekämpft, ohne es zu wissen. Jetzt bist du frei!“

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