"Du duftest in der Tat recht … männlich.“

Leseprobe

Ihr Becher war bereits leer, Treidis schenkte Rakka nach.

„Sag, ist hier irgendwo ein Bach in der Nähe? Ich muss mich waschen … Ich glaube, ich stinke schon schlimmer als die Pferde.“

Belustigt sah der Heiler sie an:

„Na ja, du duftest in der Tat recht … männlich.“

„Oh nein, so schlimm ist es schon?! Keine Zeit auf einen Bach zu warten, ich wälze mich im Schnee!“

Sie lachte in ihren Rakka hinein:

„Ernsthaft jetzt. Das ist eklig!“

 

Treidis sah zu Christian hinüber.

„Es gibt hier keinen Bach oder Teich oder so, tut mir leid! Davon abgesehen hättest du schneller eine Lungenentzündung, als ich deinen Namen sagen kann!“

Sie sah ihn an, bis er das Gesicht endlich zu ihr drehte.

„Und warum stinkt ihr nicht? Christian ist sogar frisch rasiert!“ Treidis schloss kurz die Augen.

„Wir reinigen uns mit magischem Feuer. Es verbrennt weder Haut noch Haare, aber all diese ekligen Dinge. Waschen mit Magie ist eigentlich sogar hygienischer als mit Wasser.“ Er schaute zur Seite. „Das ist allerdings etwas, was jeder nur bei sich selbst machen kann. Ist auch besser so. Denn das magische Feuer gelangt überall da hin, wo auch Wasser hinkommt.“

Sie brauchte einen Moment, dann sagte sie:

„Oh. Ja, das ist dann sehr persönlich.“ Sie schlürfte am Rakka. „Aber was mache ich jetzt? Kannst du es mir erklären?“, schaute sie ihn wissbegierig an.

Aber Treidis schüttelte den Kopf:

„Ich weiß, dass du dich heute Nacht sehr geschickt angestellt hast, Christian ist sehr stolz auf dich! Doch das ist etwas, das in den Klöstern erst nach einiger Zeit unterrichtet wird. Ich befürchte, das übersteigt deine Fähigkeiten bei Weitem.“

„Wirklich?“, fragte sie niedergeschlagen. „Kann ich es zumindest versuchen?“

„Nein! Wirklich nicht! Ich habe schon einige Novizen behandeln müssen, die sich zu früh daran gewagt hatten. Sie haben gebrannt wie menschliche Fackeln!“

Grace wich etwas zurück.

Nein, das muss ja nun doch nicht sein!, dachte sie.

Trotzdem klebte der Geruch von altem Schweiß an ihr, die Zähne hatte sie auch nicht geputzt. Ihre Haare hatten sich teilweise aus ihrem Zopf gelöst und bildeten an ihrem Nacken ein Nest, für das sich sicherlich bald ein paar Vögel interessieren würden! Sie atmete frustriert aus.

Er könnte vielleicht…“, sagte der Mann neben ihr leise, aber beendete den Satz nicht.

Sie hob den Blick, nicht aber den Kopf. Christian stand noch immer bei den Pferden, striegelte sie, redete mit ihnen.

Sie konnte sich also entscheiden: Entweder sich vor einem Fremden quasi nackt präsentieren oder stinken wie eine Mülltonne auf Wanderschaft.

„Wann kommen wir an einem Gasthaus vorbei, einer Herberge?“, wollte sie wissen.

Treidis sah sie entschuldigend an:

„Das wird noch einige Tage dauern, fürchte ich.“

„Verdammt“, flüsterte Grace.

Dann stand sie auf und ging entschlossen zu den Pferden.

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