„Ihr habt nichts zu befürchten!“

Leseprobe

Dotty sank vor ihren Füßen zu Boden, nahm ihre Hände. Grace krümmte sich vor Schmerz.

„Wächterin, ist es Euch unangenehm?“

„Natürlich! Das ist ja so peinlich!“

„Es stört Euch? Wird es Euch behindern bei Eurer Aufgabe?“

Grace wusste zwar nicht, warum das junge Mädchen so seltsame Fragen stellte, aber sie antwortete mürrisch:

„Ja, das wird es wohl …“

Dotty sah zu Boden, sie rang mit sich.

„Ich … ich kann machen, dass es schnell vorbei geht“, murmelte sie, den Blick zu Boden gerichtet.

„Ach ja? Das wäre etwas ganz Neues!“, antwortete Grace sarkastisch, aber als sie Dottys Blick bemerkte, wurde ihr klar, dass sie es so meinte, wie sie es sagte.

„Wie? Du bist doch keine Heilerin …“, wunderte sich Grace.

„Das nicht“, antwortete das Mädchen, hob die Schultern hoch, streckte das Kinn vor und drückte den Rücken durch, „aber ich muss kein Heiler sein.“ Ihre dünne, helle Stimme wurde zu einem tiefen Grollen.

„Verdammt, wer bist du?!“, kreischte Grace, sie hatte für heute genug Monster gesehen!

„Habt keine Angst, Wächterin!“, rollte es aus der zierlichen, kleinen Dotty heraus, „Ihr habt nichts zu befürchten!“

Sie hob ihren Blick und sah Grace in die Augen, aber statt der wasserblauen Iris leuchteten dort zwei goldene Seen mit einer hochgestellten, schmalen Pupille.

„Wer … Was …“, stammelte Grace und wollte zurückweichen, aber Dotty, oder dieses Wesen hielt ihre Hände fest. Dotty sprach leise, ihre Stimme klang wie das donnernde Rauschen, wenn sich Wellen an der Küste brechen:
„Ich bin Dotty, so wie Ihr mich kennt, seitdem Ihr hier seid. Aber ich bin auch gefangen in diesem Körper, an das Sanktuarium gekettet seit so langer Zeit, dass alle meiner Art gestorben sind. Ich bin der Geist, die Seele dieses Ortes, daran geschmiedet bis in alle Ewigkeit.“

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