„Keine Sorge, ich erzähle keine Geschichte dazu. Sie werden dir passen!“

Leseprobe

Als Christian die letzten Rühreier aufgegessen hatte, stand er auf. Aus dem großen Wandschrank nahm er ein Bündel, das mit einer Kordel verschnürt war. Er legte es neben Graces Teller und setzte sich wieder.

„Was ist das?“, fragte sie, während sie kaute. Christian schob das Bündel unmerklich auf sie zu.

„Das ist ein Geschenk, für dich. Alsas Schneider ist gut, er arbeitet schnell. Auch wenn er anscheinend in diesen Tagen so viel zu tun hat, wie schon lange nicht mehr. Er brachte die Zeit auf, den hier für dich zu machen. Ich fand es wichtig, dass auch du einen hast.“ Er zog an der Kordel, die Schleife ging auf und das dünne, zerknitterte Papier gab den Blick frei auf etwas aus schwarzem Stoff.

 

Grace wischte ihre Hände in die Serviette und nahm das Etwas auf. Es war mehrfach zusammengelegt und reichte bis zum Boden. Grace stand auf, hob es hoch und erkannte es. Es war ein Mantel, so einer, wie die drei ihn trugen. Sie nestelte am Verschluss, einer wunderschön gearbeiteten, silbrigen Schließe, und legte sich die unglaubliche Menge an Stoff um die Schultern. Der Mantel war eher ein Umhang. Weit geschnitten, beinahe bodenlang. Sie setzte die Kapuze auf und trat vor den langen Spiegel, der in der Ecke stand.

So fühlen sich also Superhelden, wenn sie ihr Cape tragen, dachte sie. Sie zog die Kapuze tief ins Gesicht und fühlte sich wie Darth Vader. Beinahe hätte sie „Luke, ich bin dein Vater“ durch ihre Hand geatmet. Ihr wurde aber rechtzeitig klar, dass es niemand verstehen würde.

Ray hätte gelacht, ganz sicher! Er würde so tun, als wenn er sein Laserschwert ziehen und mit dir kämpfen wollte.

Sie seufzte und zog die Kapuze vom Kopf.

„Vielen Dank, Christian, das ist sehr großzügig! Ich weiß gar nicht, wie …“ Verlegen setze sie nach: „Danke!“

Treidis lächelte schief und drückte ihr langschaftige Stiefel in die Hand.

„Keine Sorge, ich erzähle keine Geschichte dazu. Sie werden dir passen!“ Sie starrte auf die schwarzen Stiefel.

„Probier sie trotzdem an, hm?“ Der Heiler klopfte ihr ermunternd auf die Schulter. Grace war im Zimmer nur mit Socken herumgelaufen, also schlüpfte sie in die Stiefel und stieß einen Laut des Entzückens aus, als ihr Fuß in den Stiefel glitt. Es fühlte sich himmlisch an, es drückte weder an der Ferse noch vorne an den Zehen. Schnell zog sie den anderen an und machte die paar Schritte auf Treidis zu. Sie umarmte ihn und drückte ihm einen Kuss auf die glatt rasierte Wange.

„Sie passen wie angegossen! Noch nie habe ich Schuhe angehabt, die so gut passen! Vielen Dank! Das ist unglaublich!“ Entzückt drehte sie sich in ihren neuen Sachen.

Treidis sagte trocken:

“Siehst du, ich sagte doch: `Schenk einer Frau Schuhe und du gewinnst ihr Herz!´ Aber nein, du wolltest ja unbedingt den Mantel …“

Abrupt stoppte Grace.

„Aber nein, so war das doch nicht gemeint!“ Sie machte auf Christian zwei Schritte zu, dann blieb sie stehen.

„Ich freue mich wirklich sehr! Aber ich darf dir ja nicht einmal die Hand schütteln …“

Er lächelte sie an, erwiderte mit samtiger Stimme:

„Ich weiß, es ist schon gut. Du siehst gut aus in den Sachen, sie stehen dir!“ Er machte einen Schritt auf sie zu, schien plötzlich etwas verlegen zu sein.

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